Hier möchten wir unsere Gedanken zu Themen rund um die Schulbegleitung & die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit Ihnen teilen
Angepasste, „brave“ Kinder
Pädagogischer Erfolg oder besonderes Risiko für Missbrauch oder Ausbeutung?
Psychologen beobachten, dass auffallend ruhige und angepasste Kinder in bestimmten Situationen besonders gefährdet sein können, Opfer von Missbrauch oder Ausbeutung zu werden.
Diese zunächst pflegeleichten Kinder lösen weniger Alarm aus, was Täter*innen auszunutzen wissen.
Worin besteht dieser Zusammenhang?
- Wenig Gegenwehr und leise Warnsignale: Kinder, die übermäßig gehorsam und unauffällig sind, setzen oft keine Grenzen gegenüber Erwachsenen. Ein Kind, das gelernt hat, immer zu gefallen und nie „nein“ zu sagen, bietet potentiellen Missbrauchstäter*innen leider ideale Voraussetzungen. Täter*innen wählen gezielt Kinder aus, die emotional bedürftig, isoliert oder sehr folgsam wirken
Ein gehorsames Kind wird seltener auffällig widersprechen, kritische Fragen stellen oder sich Hilfe holen. Es „stört“ nicht, selbst wenn ihm Unrecht geschieht. Fachleute warnen, dass gerade höfliche, sozial angepasste Kinder in einer Gruppe nicht laut protestieren – sie schützen sich nicht durch Widerstand oder Offenheit, wenn belastende Erfahrungen gemacht werden
Die Folge: Übergriffe können unbemerkt bleiben oder länger andauern. Zudem berichten Kinderschutzstellen, dass vermeintlich „brave“ Kinder oft stille Hilfeschreie senden: Häufige Bauchschmerzen, Panikattacken oder Essstörungen können Ausdruck eines verdrängten Leids sein. Die Umwelt nimmt solche Signale jedoch leicht als individuelles Problem wahr, nicht als Hinweis auf Fremdeinwirkung. - Gewöhnung an Unzumutbares: Ein weiterer Aspekt ist die Habituation. Angepasste Kinder neigen dazu, auch schlimme Situationen hinzunehmen, ohne sich aufzulehnen. Expert*innen beschreiben die Gefahr, dass solche Kinder sich an erschreckende oder unzumutbare Erlebnisse gewöhnen, weil sie gelernt haben, alles zu erdulden. Fehlt der Impuls zum Aufbegehren, können fortgesetzter Missbrauch oder Ausbeutung irgendwann als „normal“ empfunden werden – mit verheerenden Folgen für die seelische Entwicklung. Ein solches Kind sendet dann womöglich keine Hilfesignale mehr aus, weil es glaubt, es müsse die Situation akzeptieren. Dieses stille Erdulden macht es Täter*innen leicht, ihre Taten fortzusetzen, und erschwert Außenstehenden, überhaupt Verdächtiges zu bemerken.
- Trügerischer Schein einer gelungenen Erziehung: Bemerkenswert ist, dass wir Erwachsene oft geneigt sind, „brave“ und ruhige Kinder automatisch als unbeschadet anzusehen. Ein Kind, das nie Probleme macht, gilt als gut erzogen und glücklich. Doch die Kinder- und Jugendanwaltschaft Wien warnt: „‘Brave’, angepasste Kinder sind bei weitem nicht immer glückliche Kinder.“ Körperliche Symptome oder plötzlich auftretende Ängste können ein Hilferuf sein. Mit anderen Worten: Überangepasstes Verhalten kann auch eine Folge von Angst oder bereits erlebtem Missbrauch sein. Solche Kinder haben gelernt, dass Widerspruch zwecklos ist oder Bestrafung nach sich zieht. Sie funktionieren nach außen, sind innerlich aber stark belastet.
Besondere Gefährdung heißt aber nicht Ausweglosigkeit. Die Präventionsforschung empfiehlt, Kinder zu stärken, damit sie nicht zu leichten Opfern werden. Eine Erziehung zur Selbstbehauptung – also Kindern beibringen, eigene Gefühle ernst zu nehmen und „Nein!“ zu sagen – ist zentral. Nur ein selbstbewusstes Kind mit gesundem Misstrauen kann bei übergriffigen Verhalten Alarm schlagen. Pädagogische Konzepte setzen daher darauf, Willensstärke und Selbstvertrauen zu fördern. „Willensstarke Kinder, die ermutigt werden, ihren Gefühlen zu vertrauen, sind weniger beeinflussbar als gehorsame und angepasste Kinder.“
Das heißt: Wenn Kinder von klein auf erleben, dass ihre Nein-Worte respektiert werden und sie eigene Entscheidungen treffen dürfen, entwickeln sie ein Gespür für Grenzen. Dann sind sie im Ernstfall eher in der Lage, sich einem Täter zu entziehen oder sich an Vertrauenspersonen zu wenden. Schulen und Kitas setzen dies z.B. durch Präventionsprogramme um, die Rollenübungen zum Thema gute vs. schlechte Berührungen, Geheimnisse und Hilfesuchen beinhalten. Entscheidend ist, dass Erwachsene auch scheinbar unauffällige Kinder im Blick behalten: Kein Kind sollte „zu gut“ sein. Wenn ein Junge oder Mädchen nie widerspricht oder immer „funktioniert“, lohnt es sich nachzufragen, ob alles in Ordnung ist. So kann man verhindern, dass Anpassung zur Ausbeutbarkeit wird.
Unsere Haltung von AssistenzUp zur Selbstbestimmung und Ausdrucksstärke von Kindern
Kinder zeigen ihre Individualität und ihre besonderen Bedürfnisse auf unterschiedliche Weise – auch in der Zusammenarbeit mit unseren Schulbegleitungen. Wir sehen es als unsere Aufgabe, den Kindern einen geschützten Rahmen zu bieten, in dem sie sich authentisch zeigen dürfen. Dazu gehört auch, dass Kinder mit besonderem oder zeitweise auffälligem Verhalten dieses frei ausdrücken dürfen. Unsere Schulbegleitungen begleiten und unterstützen die Kinder dabei, herauszufinden, welche Formen des Zusammenlebens sich für sie nachhaltig gut anfühlen. In der Regel entscheiden sich Kinder nicht bewusst für ein konfliktreiches Miteinander – vielmehr gilt es, gemeinsam mit ihnen zu erkunden, wie ein respektvoller und für alle Beteiligten angenehmer Umgang gelingen kann.
Aus der Erkenntnis heraus, dass Kinder das Recht haben, sich einzubringen, ihre Meinung zu sagen, "Nein" zu äußern und auch zu rebellieren, begegnen wir diesen Äußerungen und Verhaltensweisen mit Anerkennung und Respekt. Widerstand und Widerspruch sind keine Störungen, sondern Ausdruck von Selbstbestimmung und innerer Entwicklung. Wir nehmen diese Äußerungen ernst und begegnen ihnen mit Offenheit, um Kindern zu zeigen, dass ihre Gefühle und Bedürfnisse gesehen und respektiert werden. Denn nur ein Kind, das sich ernstgenommen fühlt, kann sich sicher entwickeln und seine eigenen Grenzen ebenso wie die Grenzen anderer respektieren.
In unserer Obhut dürfen die Kinder so sein, wie sie sind. Wenn sie etwas an ihrer Situation oder ihrem Verhalten verändern möchten, unterstützen wir sie genau dabei. Wir stärken Kinder in ihrer Eigenverantwortung und in ihrem Recht, sich selbst zu behaupten.
Jedes Verhalten ist intentional, und wir glauben an die guten Intentionen der Kinder und Jugendlichen – für sich selbst und für andere.